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F.A.Z., 07.02.2008

Erziehungspartnerschaft gefährdet
Viele Eltern engagieren sich in den Schulen und leiten Bibliotheken oder organisieren Feste, andere sind desinteressiert oder sehen Kritik an ihren Kindern als narzisstische Kränkung. Von Brigitte Hohlfeld


Im älteren Bildungsbürgertum hat sich bis heute ein merkwürdiges Renommieren mit schlechten Schulnoten erhalten. Angesehen ist nicht, wer besonders leistungsstark in Latein oder Mathematik war, sondern wer wenig wusste und es trotzdem zu etwas gebracht hat: der Rechtsanwalt, Arzt oder Politiker. Seit die Lebenschancen mit einem guten Abitur steigen, erwarten bildungsbürgerliche Eltern eine Bringschuld der Schule mit guten und sehr guten Noten für ihre Kinder und reagieren mit Unmut, wenn sich diese Erwartung nicht erfüllt. Schon die Grundschullehrer können ein trauriges Lied davon singen, wenn der angesehene Arzt die Aufsatznote Eins minus gleich bei der Schulleitung anzweifelt, obwohl sein Sohn, ein Zweitklässler, sechsmal den Konjunktiv "würde" verwendet hat. Zwar erreicht er diesmal nichts, aber in Zukunft bekommt der Junge seine glatte Eins. Angesichts eines dezenten Hinweises des Vaters auf den Beschwerdeweg wägt die Lehrerin für sich ab, ob der Unterschied zwischen Eins minus und Eins einen möglicherweise ausufernden Bericht an die Schulaufsicht lohnt.

Überhaupt nimmt die Anzahl der Eltern zu, die ihre Geringschätzung für die Lehrer ihrer Kinder mehr oder wenig subtil zum Ausdruck bringen, vor allem dann, wenn ihre Leistungen nicht die Erwartungen ihrer Eltern erfüllen und ihr Verhalten nicht die der Schule. Der Physiker lässt die Schule auf Briefpapier mit ausführlichem Firmenkopf wissen, dass er rechtliche Schritte gehe, wenn die Tochter, deren stets entschuldigte ein- bis zweitägige Fehltage fast ein Drittel des Unterrichts eines Schuljahres ausmachen, nicht versetzt werde. Der Anwalt, der sich für die Schule nur interessiert, wenn sie an den notorischen Unterrichtsstörungen des Sohnes Anstoß nimmt, reagiert grundsätzlich auf dem Briefbogen seiner Kanzlei. Als ihm einmal gesagt wird, dass sein Sohn im Schauspielhaus durch penetrantes Stören die übrigen Zuschauer empört und der begleitende Lehrer ihn ins Foyer geschickt hat, belehrt der Vater in Anwesenheit des feixenden Jungen Lehrer und Schulleitung darüber, dass in einem Theater der Intendant das Hausrecht besitze und daher nur er Personen hinausweisen könne. In allen Schichten gibt es zunehmend Eltern, die ihr Missfallen an der Schule äußern, ohne wenigstens den Schein der Höflichkeit zu wahren. In Erinnerung ist die Mutter eines massiv störenden Sechstklässlers, die von der Klassenlehrerin darüber informiert worden war, dass ihr Sohn wiederholt mitten im Unterricht zähen Auswurf auf die Fensterbank spuckte. Die Mitschüler hatten sich geekelt abgewendet. Anderntags legte der Junge seiner Lehrerin grinsend ein Schreiben seiner Mutter vor, in dem es hieß, irgendwohin müsse er seinen Auswurf entsorgen.

Die zunehmend misslingende, wenn auch in Grundgesetz und Landesverfassungen verankerte Partnerschaft von Elternhaus und Schule hängt auch mit einem veränderten Stellenwert des Kindes zusammen. Symptomatisch dafür sind Anzeigen in Tageszeitungen. Etwa diese zum fünften Geburtstag: ein Foto zeigt ein entzückendes kleines Mädchen, das in bodenlangem Taftkleid mit offenem Haar auf einem hölzernen Karussellpferd sitzt. Den Buchstaben des Vornamens Sabina sind glänzende Eigenschaften der Kleinen zugeordnet, wie schlau, außergewöhnlich, bildhübsch. Wehe den Lehrern, die nicht dieselbe Wahrnehmung wie die Eltern haben, deren oft einziges Kind für sie eine Ausnahmeerscheinung ist. Schnell wird dem Lehrer unterstellt, er habe für die Exzellenz des ihm anvertrauten Kindes kein Gespür, zumal es angeblich von Hochbegabungen nur so wimmelt, die bornierte Lehrer nicht angemessen förderten.

Die Identifikation der Eltern, besonders der Mütter, mit ihren Kindern nimmt oft groteske Formen an: Nachweislich hatte eine zwölf Jahre alte Schülerin wochenlang ihre Hausaufgaben in Mathematik nicht angefertigt. Die Mutter kam nicht zum Gespräch, bis sich die Schulleiterin einschaltete. Die Tochter behauptete, immer die Aufgaben gemacht zu haben, nur seien sie ihr auf dem Schulweg abhanden gekommen. Das konnte nicht stimmen, denn bei so viel Übung hätte die letzte Mathematiknote keine Sechs sein dürfen. Die Mutter glaubt dem Mädchen. Es lüge nie, das wisse sie, denn schließlich sei sie als Mutter mit ihr schwanger gewesen und habe zwei Liter Blut bei ihrer Geburt verloren.

Weniger absurd, da durch einen höheren Bildungsgrad davor geschützt, war das Verhalten der Eltern eines Sechstklässlers, eines notorischen Störenfrieds, der durch ordinäre verbale und zeichnerische Auslassungen eine Mitschülerin beleidigt hatte. Er hatte die Sache auch zugegeben. Da die Schulleiterin annahm, dass die Eltern die Ermahnungen der Schule verstärken würden, bat sie sie mit ihrem Sohn zu einem Gespräch. Verblüfft musste sie nicht nur zur Kenntnis nehmen, dass der Junge "nur" auf Geheiß eines weiteren gehandelt habe, dessen Namen er natürlich nicht nennen könne, sondern dass die Eltern ihren Sohn bei dieser Information mit den zärtlichsten Kosenamen bedachten und ihn von beiden Seiten streichelten. Die Schule kann wenig bewirken, wenn Eltern die mäßigen Leistungen ihrer Kinder damit begründen, dass die Lehrer ihnen nicht "Spaß" beim Lernen vermittelten. Eltern mit mittlerer und höherer Schulbildung äußern diesen Vorwurf selten, da sie aus eigenen Schultagen wissen, dass nicht jederzeit und jedem Fach "Spaß" entgegengebracht werden kann. Je weniger die Eltern die Inhalte einschätzen können, desto weniger halten sie ihr Kind zu ernsthaftem Arbeiten an.

Offiziell von der Schule mitgeteilte Flegeleien wurden bis weit in die achtziger Jahre von den Eltern missbilligt. Inzwischen sagen vor allem Mütter einziger Söhne, der Sohn leide am ADHS-Syndrom. Es geht hier nicht um die bedauernswerten ADHS-Kinder, deren behandelnde Ärzte oft auf Wunsch der Eltern mit den Lehrern engen Kontakt halten. Die meist zwölf bis fünfzehn Jahre alten Jungen wissen genau, wie sie die Lehrer reizen können: sie hören Walkman im Unterricht und behaupten dreist, es nicht zu tun, sagen, wenn sie keine Hausaufgaben haben, das Fach "gehe ihnen am Arsch vorbei", entbieten dem Lehrer den Götzgruß und treten einem bereits am Boden liegenden Mitschüler noch einmal schnell in den Bauch. Wenn die Mutter vorträgt, der Junge könne wegen ADHS nichts dafür, und der Schüler breit grinsend dabeisitzt, gibt es in der vielbeschworenen Erziehungspartnerschaft nicht mehr viele Gemeinsamkeiten. Ein einziges Mal in zehn Jahren konnte der gordische Knoten zerhauen werden. Die Schulleiterin schlug vor, eine Ordnungsmaßnahme auszusetzen, bis der Kinderpsychologe, der den fünfzehn Jahre alten Jungen früher behandelt hatte, gehört wurde. Die Mutter entband den renommierten Fachmann tatsächlich von seiner ärztlichen Schweigepflicht. Als die Schulleiterin ihm die Flegeleien schilderte und fragte, ob die beabsichtigten Maßnahmen angemessen seien, erhielt sie die Antwort: "Nur zu, das hat mit ADHS nichts zu tun, was wollen Sie sich denn noch alles gefallen lassen?"

Während den genannten Eltern immerhin zugebilligt werden muss, dass sie sich für ihr Kind einsetzen, überlassen andere ihr Schulkind mit unvorstellbarer Gleichgültigkeit sich selbst. Wenn es im Theaterstück auftritt oder in der Band musiziert, selbst wenn es bei der Abschlussfeier einen Preis erhält - es interessiert die Eltern nicht. Sie zeigen ihm durch ihre Anwesenheit nicht, dass sie stolz auf es sind. Es interessiert sie nicht einmal das Zeugnis. Wie hätte sonst ein vierzehn Jahre alter Realschüler seinen Eltern einreden können, dass es dieses Jahr wegen Krankheit des Biologielehrers kein Zeugnis gebe? Schreibt man Eltern an und bittet sie dringend zum Gespräch, kommen sie auch nach wiederholten Einladungen nicht. In zehn Jahren dürften das an die hundert gewesen sein. Wenn es irgendwann einmal gar nicht mehr weitergeht und die Eltern schließlich doch erscheinen, sitzen sie völlig hilflos, oft gebrochen da, von ihren Kindern tief enttäuscht, die ihnen doch versprochen hätten zu lernen. Elterndämmerung? Ja, Eltern tragen eine Mitverantwortung für die neuerliche Bildungskatastrophe. Als Lehrer ist man versucht, mit grimmigem Sarkasmus zu behaupten: Vielleicht war "unser Lehrer Dr. Specht", der Held der gleichnamigen Fernsehserie, deshalb so erfolgreich, weil er in einem Internat unterrichtete, der Einfluss der Eltern also auf ein Minimum reduziert blieb?

Die Autorin war bis 2006 in Mannheim Rektorin einer Realschule mit achthundert Schülern.


Text: F.A.Z., 07.02.2008, Nr. 32 / Seite 7