Einen guten Whisky auf das Ungetier!

An englischen Schulen herrscht eine Läuseplage –

dabei ist die Bekämpfung nicht so schwer / Von Bettina Schulz

LONDON, im November.

Mit jeder Haarsträhne, durch die der Kamm fährt, fallen mehr Läuse aus dem Kinderschopf. Im Waschbecken kreucht und fleucht eine ganze Sammlung von größeren, dunklen Tieren und kleineren Larven. In den Haaren kleben die gelblichen Nissen, die abgelegten Eier. Fast allen Eltern in England widerfährt der Schreck irgendwann während der Schulzeit ihrer Kinder. Und gar nicht so selten kribbelt und krabbelt es auch bei den Eltern, obwohl es nicht gejuckt hat und sie sich jeden Tag unter der Dusche die Haare waschen.

Englische Schulen werden in diesen Wochen geradezu geplagt von einer Läuse-Epidemie. Und diese Tiere sind Überlebenskünstler, schotten ihre Atmungsporen bei Wasserkontakt ab, um nicht zu ertrinken, und haken sich mit ihren sechs Greifern eisern an den Haaren fest. Shampoo interessiert sie nicht. Das verdächtige Jucken, die Allergie der Kopfhaut, stellt sich - wenn überhaupt - oft erst nach zwei bis drei Monaten ein.

In England erhalten Eltern oft alle acht Wochen einen warnenden Brief der Schule, dass es schon wieder Läuse in der Klasse gibt. Dann wird das Haar der Kinder und Familienmitglieder untersucht. Aber der schnelle Blick auf die weiße Kopfhaut mag zu dem Trugschluss führen, alles sei in Ordnung. Läuse im Haar sind mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen, und die Nissen werden oft mit Schuppen verwechselt. Die Wahrheit fördert oft erst ein Spezialkamm für Läuse zutage, dessen Metallzinken so eng gestellt sind, dass von jedem Haar einzeln die Nissen und Läuse abgestreift werden.

In der ersten Panik greifen viele Eltern zu einem derben englischen Hausmittel: eine Flasche Whiskey öffnen, einen Schluck auf den Schreck trinken, und den Rest über den Kopf kippen. Das wirkt. Die Läuse kollabieren, vor allem, wenn ein um den Kopf gebundenes Tuch die Alkoholwirkung über eine halbe Stunde intensiviert. Das halten selbst trinkfeste Läuse nicht aus - und sie fallen willenlos in den Abfluss. In der Apotheke stehen Shampoos, Cremes, Gels, Sprays und Lotionen gegen die Plage zur Auswahl. Meist sind es Insektizide, gegen die englische Läuse mitunter jedoch schon resistent geworden sind. Dann beginnt erst die eigentliche Arbeit. Mit großer Geduld müssen die Haare Strähne für Strähne mit einem Nissenkamm durchgearbeitet werden, um alle verbliebenen Eier zu entfernen. Jede erwachsene weibliche Laus legt etwa 50 bis 150 Eier ab, die sie mit einem Spezialspeichel am Haaransatz festklebt. Nach fünf bis neun Tagen schlüpfen die ersten Läuse und „häuten" sich danach drei Mal, bevor sie selber sexuell aktiv werden und sich vermehren. Daher soll man Läusemittel nach etwa einer Woche ein zweites Mal auf den Kopf auftragen, um alle aus den Nissen geschlüpften Läuse zu entfernen. Erst wenn mehrere Tage danach keine lebenden Läuse zu finden sind, war die Prozedur erfolgreich.

Englische Eltern müssen immer wieder durch diese Malaise. Jedes Jahr werden in Deutschland und Großbritannien Millionen von Kindern und Jugendlichen von Läusen befallen - egal, ob sie saubere, schmutzige, krause oder glatte Haare haben. Beim direkten Haarkontakt gleiten sie von Schopf zu Schopf: Kinder, die miteinander spielen, sind daher besonders betroffen.

Die Krabbeltiere müssen sich täglich mehrmals von dem Blut der Kopfhaut ernähren und können daher keine zwei bis drei Tage ohne ihren Wirt überleben. Läuse, die ins Bett fallen, können von dort nicht wieder auf den Kopf eines Menschen steigen, wo sie sich vom Blut ernähren können. Die Nissen können ein bis zwei Wochen leben. Die gelblichen Nissen jedoch sind zum Großteil leere Hülsen, aus denen die Läuse lange zuvor geschlüpft sind. Wenn die Eier mehr als einen Zentimeter von der Kopfhaut entfernt am Haar kleben, sind sie wahrscheinlich mehr als einen Monat alt, die Läuse sind also lange geschlüpft.

Viele Eltern werfen Bettzeug, Handtücher, Pullover, Mützen und Decken nach dem Lausbefall in die Waschmaschine und packen Stofftiere in den Gefrierschrank, um die Läuse und Eier zu töten. Das britische Gesundheitsministerium hebt aber hervor, das sei gar nicht nötig. Die Läuse könnten ohnehin nicht in Bettzeug oder Mützen überleben. Dass Familien die Läuseplage mitunter nicht loswerden, liegt also nicht an fehlenden Waschgängen - sondern daran, dass nach acht bis zehn Tagen die Haare der Familienmitglieder nicht ein zweites Mal entlaust wurden. Erst dann können die Nissen, die nach der ersten Entlausung im Haar verblieben sind, nicht schlüpfen und sich abermals vermehren.